Auszug aus einem Brief, geschrieben von O.P. an Bord der Segelyacht "funtom" im Februar 1996 auf Position 16°28' N / 85°50' W.
Er beschreibt die Überfahrt von Curaçao nach Guanaja/Honduras (wo ich den DornTorus-Text schrieb und den artmetic Grafiksynthesizer entwickelte).
 

 

... Ausklarieren und Frischproviant vom venezolanischen Floating-Market (venezolanische Händler setzen mit ihren gemüse- und obstbeladenen Kähnen vom Festland nach Curaçao über und bieten die Ware entlang des Hafenkais an) standen als letzte ungestrichene Punkte auf der langen Zu-Erledigen-Liste. Leicht hatte es Wolfgang damit nicht, aber schließlich war auch ich mit funtom's Zustand zufrieden, nachdem es darum so manche harte Diskussion gegeben hatte. Ich wollte auch außerhalb der Hurrikansaison für eine solche Überfahrt gut vorbereitet sein. Selbst unseren Absprungstermin hätten wir nicht optimaler wählen können, was die Mondphase betrifft, nämlich 4 Tage vor Vollmond, bei 8 geschätzten zu segelnden Tagen und Nächten.

Am 31.01. um 10:00 haben wir endlich tiefes Wasser unter dem Kiel und lassen uns bei leichten östlichen Winden von unserer ausgebaumten Genua und gerefftem Großsegel in Schmetterlingsstellung mit 4 bis 5 Knoten (1 kn = 1,85 km/h) gemächlich dahinziehen. Ein Strom von ca. 0,8 kn schiebt a bißerl. Die Insel gibt uns noch Schutz vor der Dünung, Schönwetterpassatwolken am Horizont ... fast ein Bilderbuch-Happy-Sailing als Auftakt. Die Anspannung, die mich immer vor dem Ankeraufgehen beklemmt, weicht der Freude über die wiedergewonnene Freiheit, über die winzige autarke Einheit Schiff, inmitten dieser riesigen Dimension Wasser und Himmel. Ich freue mich auf die Ruhe, auf das tagelange Nichts und Alles. Seit der Atlantiküberquerung unsere erste wirkliche große Überfahrt - und diesmal nur zu zweit, ohne Gast.

Unsere Tradition, defensiv zu segeln, wollen bzw. müssen wir dieses Mal besonders bewußt pflegen. Alles Ausbessern von Nähten, alle Flicken und Patches ändern an der Grundstruktur unserer alten Vorsegeltuche Genua und Arbeitsfock I nichts. Nur kurz ist die Freude an unserer überholten Reserve-Genua: Am Nachmittag des ersten Tages bereits hängt ohne besonderes Ereignis, ohne Böe oder dergleichen das Unterliek in Fetzen herunter. Wir bergen das Segel und setzen die Arbeitsfock I. Wie bestellt frischt der Wind für dieses kleinere Tuch auf. Gegen 20:00 müssen bereits das zweite Reff (R II) ins Groß ziehen und um 23:00 laufen wir bei 30 kn Wind lockere 6 kn mit dreifach gerefftem Groß.

Mit dem Verlassen der Abdeckung durch Curaçao setzt uns die Welle von querab aus Nordnordost ordentlich zu. In meiner ersten Freiwache von 20:30 bis 23:00 tue ich kein Auge zu. Die unharmonischen Schiffsbewegungen, die harten, unregelmäßigen Schläge gegen die Bordwand, das Schwallgeräusch gelegentlich überkommenden Wassers, das Arbeiten des Materials, die Vibrationen des Windgenerators, das eingezwängte Liegen zwischen Leebrett und Kojenwand sind gewöhnungs- und übermüdungsbedürftig (um nicht hin und her geworfen zu werden, verkeilt man sich mit Kissen und Decken in der auf See ohnehin sargähnlichen Schlafstatt). Meine erste Wache empfinde ich regelrecht als Befreiung. Das Leuchtfeuer von Aruba liegt bereits achterlicher als querab, als Wolfgang die Fock birgt und endlich in seine Freiwache abtauchen kann. Jetzt, unter Groß (R II) allein, läuft funtom wesentlich ruhiger mit weniger Gierbewegung. Aries, unsere Windfahnen-Selbststeuerung hält grandios Kurs bei mäßigem Ruderdruck. Ich genieße den Sternenhimmel, die in Mondlicht getauchte Nacht und den kräftigen Passat, für den wir genau das richtige Tuch gesetzt haben.

Auch am zweiten Tag vermissen wir unsere Genua nicht - im Gegenteil. Die See ist so bockig, daß wir außer Segeln, Segelwechseln und Navigation zu nichts anderem kommen. Nicht einmal die Angel bringen wir aus. Ich bin froh um das am Vortag Vorgekochte. Wir tauschen sogar das ohnehin kleine Vorsegel Fock I gegen die noch kleinere Fock II aus und ziehen später das dritte Reff ins Groß. Je kleiner wir die Garnituren wählen, umso mehr legt der Passat zu. - Ein schönes Abenderlebnis: Die strahlend helle Venus, unser 'Fast-Mond' im Westen bekommt gegen 19:00 hautnahen Besuch (2½°) von Saturn. - Bei 30 kn Wind, in Böen 40, nehmen wir zum Wachwechsel um 23:00 das Groß ganz runter und laufen mit dem winzigen Lappen von 10 m² Fock II ohne Baum immer noch 5-6 kn durch's Wasser (plus 1 bis 1,5 kn Strom). Die nächtlichen Segelwechsel haben wir nicht so besonders gern. Zum einen kosten sie immer 1 bis 1,5 Stunden von den ohnehin knappen Freiwache-Schlafphasen, zum anderen ist die Arbeit auf dem Vorschiff bei so unruhiger See nachts weder angenehm noch ungefährlich. Wolfgang läßt mich nachts gar nicht mit nach vorn.

Die letzte, d.h. die Frühwache ab ca. 04:15 gehört schon immer mir. Ich liebe den Ausgang der Nacht, die sich ankündigende Dämmerung im Osten, das zarte Morgenlicht, den immer unbändiger, lawinenartig hereinbrechenden Tag und schließlich den Höhepunkt und Abschluß des Szenariums: die gelbe Sonnenscheibe schiebt sich über den Horizont. Dann wird es Zeit für ein kräftiges Frühstück, was bei diesem chaotischen Seegang eher in Arbeit ausartet (sowohl die Zubereitung als auch die Zufuhr). So rossen wir einen weiteren starkwind-verwöhnten Tag nach West. Dahin der Traum von der großen Ozeanmuse. Unsere Tage vergehen mit der Bewältigung von Lebensnotwendigem: 3 Mahlzeiten, 2 Freiwachen tags für jeden, um ein wenig Schlaf zu bekommen, Navigation, Schiff und Material in Ordnung halten, ein bißchen Körperpflege (das Sich-Nachschleppen-Lassen, achteraus an eine Leine gebunden, lassen wir uns auch bei diesen Verhältnissen nicht nehmen), und schon steht die Sonne wieder am Westhorizont.

Heute, am 2.Februar, lassen gegen Mittag Wind und Wellen für 2 Stunden etwas nach. Schnell nutze ich die Gunst der Stunde und koche aus unserem herrlichen Frischgemüse Eintopf gleich für 2 Tage. Kaum haben wir ein größeres Vorsegel gesetzt, da frischt es schon wieder auf und funtom jagt mit Rumpfgeschwindigkeit durch die Wellenberge (6-7 kn - schneller als seine Rumpfgeschwindigkeit kann ein Schiff aus konstruktionsbedingten Gründen normalerweise nicht laufen). Einzelne Wellenkronen beginnen zu brechen. Deren Rücken sind inn-grün bis türkisblau, in Böen weht die Gischt ab. Von einzelnen, kleinen Baby-Monstern abgesehen, die seitlich an der Cockpitwand brechen und als scharfstrahliges Spritzwasser sich ins Cockpit verirren, steigt kein wirklich grünes Wasser ein.

Um 1840 Ortszeit meldet die säuselnde Computerstimme des amerikanischen Marine-Wetterdienstes: Kaltfront von 22°N, 80°W bis 16°N, 86°W, Zugrichtung Ost. - Schöne Bescherung: bei unserem Kurs und unserer Geschwindigkeit laufen wir der Front in die offenen Arme. Der schlaue Stratege kalkuliert: wenn wir bremsen und die Front dafür rasch genug nach Osten weiterzieht, könnten wir uns vielleicht gerade noch unter bzw. hinter deren Schwanz vorbeimogeln. Also rasch Fock I runter, Fock II hoch. Mit so wenig Tuch und 4-5 kn verbringen wir eine ruhige Nacht mit ungestörten Freiwachen.

Auch am nächsten Tag behalten wir die Bremsstrategie bei. Die Front zieht wohl rasch nach Ost, aber leider auch nach Süd. Heute noch genießen wir den abnehmenden Wind und kleiner werdende Welle. Zum ersten Mal 'schieße' ich eine Sonne für eine Übungsstandlinie. Aus Bequemlichkeit navigierten wir bisher ausschließlich mit dem GPS. (Bei den heftigen Schiffsbewegungen und Wellengebirgen statt Horizont bereitet die Astronavigation viel Mühe.) Gegen Abend brauchen wir sogar, um nicht zu sehr zu rollen, das dreifach gereffte Groß. Eine ruhige Vollmondnacht läßt uns in den Freiwachen voll ausschlafen.

Der Sonntag beginnt wie ein richtiger Schönwettersegeltag. Nach und nach schütteln wir alle Reffs aus dem Groß. Nach den ruppigen Vortagen scheinen uns 20 kn Wind beinahe flautig. Entspannte Mahlzeiten mit halbgefüllten Tassen (an den Vortagen waren's immer nur Pfützen), ohne sich verselbständigende Butterbrote und Marmeladegläser, ohne über Kopf gehende Eintopfnäpfe und allenthalben lauernden Verbrühungsgefahren. Der Schwanz der Kaltfront auf 15°N, 85°W ohne Starkwindgefahr - meldet NOAA (amerikanischer Wetterfunk). Aufatmen! Gerade hier könnten wir Frontwetter am allerwenigsten gebrauchen, zwischen den ausgedehnten Korallenbänken, die sich zwischen Nicaragua und Jamaica erstrecken. Alle Tiefwasserdurchfahrten haben die Richtung SO-NW (Südost - Nordwest). Mangels Detailkarten wählen wir die breiteste und östlichste zwischen Rosalind- und Pedro- Bank. Ein gutes Drittel der N-S-Ausdehnung von Rosalind liegt bereits hinter uns, als uns gegen 18:00 eine mächtige Wolkenbank quasi den Weg versperrt. Hoffentlich nur Okklusionswolken! Für die Nacht ziehen wir das erste Reff ein. Zum Wachwechsel gegen 23:00 muß mich Wolfgang nicht wecken. Durch die Winddrehung von Ost über NO, NNO auf N segeln wir bei 290° Kompaßkurs am Wind. Harte Schläge, viel überkommendes Wasser - ich liege schon lange wach und unruhig. Als ich den Niedergang hinaufkomme, zieht Wolfgang schon den Lifebelt über zum Einreffen. Während er auf dem Vorschiff arbeitet, frischt es weiter auf, auf 30 kn, in Böen 40. Da der Wind selber 'jung' ist, hält die See noch nicht Schritt, und wir können unseren Kurs anliegen. Aber wie lange noch? Selbst bei gleichbleibenden Verhältnissen müßten wir, um Rosalind zu passieren, mindestens 24 Stunden gegenanbolzen. Wollen wir das unserem eher bescheidenen Material zumuten? Und dann - bei weiterer Zunahme - würden wir uns in eine unausweichliche Legerwall-Situation manövrieren. Die Entscheidung fällt schwer, ist aber zwingend: Wir müssen in Lee der Untiefenbänke die Wetterentwicklung abwarten. Also Umdrehen! - Zum Ablaufen bergen wir das Groß, schiften die Fock II. Für den SO-Kurs brauchen wir dann doch wieder das Groß wegen der enormen Abdrift. Bei deutlich über 40 kn Wind bereitet die Arbeit selbst mit diesen kleinen Segeln viel Mühe.

Aus Starkwind wird innerhalb von Minuten stürmischer Wind. In das scharfe Heulen mischt sich Roland's (unser Windgenerator) Wahnsinns-Rotationstanz. Er droht zu zerspringen. Seine Flügel werden zu einer echten Gefahr. Wolfgang steigt kühn (immerhin angeleint) auf den Heckkorb und bändigt den Ausgeflippten mit einem Stropp. In Windstößen (bis 50 kn) pfropft sich dem Heulen ein aggressives Kreischen auf. Diese Frequenz in voller Ausprägung muß es wohl sein, welche Menschen in schwerem Sturm oder Orkan zum Wahnsinn treibt. Jetzt wird die See wirklich konfus. Grunddünung aus Ost und Windsee aus Nord vereinigen sich zu einem wilden, regellosen Wellengebräu. Manche Überlagerungen enden in mehrere Meter hohen Pyramiden, deren Spitzen sich in wilden Pirouetten brechen. Das ganze Schiff arbeitet, ächzt und scheint zu stöhnen. Daß unser treuer Knecht Aries in diesem Gesabber so Kurs hält! Dennoch bewirkt die chaotische Welle solchen Ruderdruck und so starke Gierbewegungen, daß unvorherzusehendes Querschlagen oder Patenthalse nicht auszuschließen sind. In komplettem Ölzeug (zum ersten Mal seit dem winterlichen Mittelmeer legen wir es an) gehen wir abwechselnd Ruder oder unterstützen Aries zumindest bei den scheußlichsten Quertreibern. Auch den Niedergang verschließen wir zum ersten Mal völlig, weil jetzt viel Wasser ins Cockpit einsteigt.

Inzwischen ist es 04:00. Wolfgang legt sich unten für sein erstes Stündchen auf's Ohr. (Ich hab' ja schon 2 Stunden während der ersten Freiwache abbekommen.) Glücklicherweise ist es nicht kalt und trotz großartiger Wolken bekommen wir keinen Schauer ab. Vielleicht, weil alles um mich herum in solcher Bewegung ist, komme ich gar nicht auf den Gedanken, Angst zu haben. Und Grund dazu besteht, solange das Material taugt, tatsächlich nicht. Alice-Shoal und Bajo Nuevo lassen wir bei diesem Kurs in gutem Abstand südlich von uns.

Bei Wachwechsel zeigt die See ihre heimtückischste Seite. Eben die Situation, vor der in den Klassikern gewarnt wird, tritt ein: Gerade als Wolfgang von innen über das obere Steckschottbrett ins Cockpit klettert, - nur auf einem Standbein und den Lifebelt noch nicht eingepickt -, drückt ein gewaltiger Wellenberg funtom quer. Der folgende, die Schwäche ausnutzend, steigt voll ins Cockpit ein, füllt es zur Hälfte und drückt funtom dabei so auf die Seite, daß der Großbaum durchs Wasser schleift und Wolfgang quasi den Berg hinunterrutscht. Er verfängt sich in den Relingsdrähten, gleichzeitig bekomme ich ihn an einem Ölzeughosenbeinzipfel zu fassen. Mir fährt der Schreck erst im Nachhinein in die Knochen.

Unten im Salon herrscht nach Verschluß aller Luken eine gespenstische Stille. Die harten Schläge, die unvermittelten Beschleunigungs- und Abbremsbewegungen sind wie von einer anderen Welt. Ich falle augenblicklich in Tiefschlaf. - Das Stündchen ist kurz, zurück ins triefende Ölzeug. Draußen empfängt mich Helligkeit, Wind in Sturmstärke und eine hohe, konfuse See. Wir stehen dicht nördlich der Nordostseite von Bajo Nuevo. Ich halte eben Rundumblick und bin mir der Unsinnigkeit dieser Mühe bei diesen Verhältnissen (kein Horizont, nur Wellenberge) bewußt, als wenige hundert Meter entfernt, etwas achterlicher als querab, eine Nußschale auf einem Wellengipfel auftaucht. Vielleicht habe ich mich getäuscht? Es dauert Minuten, bis ich sie von einem weiteren Gipfel aus für Sekunden wiederfinde. Zwei sogar! Nicht weit voneinander entfernt. Eine Art Yacht ohne Mast oder nur mit Stummel und ein Holzboot. Ich bin ganz aufgeregt und rufe Wolfgang, der unten mit Navigieren beschäftigt ist. Mir fallen spontan zwei Möglichkeiten ein: eine in Seenot geratene, entmastete Segelyacht oder abgetriebene Boatpeople aus Kuba. Wolfgang fügt die dritte hinzu: Nicaraguas Mosquito-Banks sind für Piraterie bekannt.

Ein unglaubliches Movie, wie die zwei Bötchen in und zwischen den Wellenbergen torkeln, verschwinden, nach vorn -, im nächsten Augenblick nach hinten überzukippen scheinen und - auf uns zuhalten! Mir wird sehr ungemütlich und heiß in meinem Ölzeug. Durch den geschlossenen Niedergang und die Sturmgeräusche höre ich Wolfgang sprechen, ohne etwas zu verstehen. Nach ein paar Minuten öffnet sich das Schiebeluk ein paar Zentimeter: "Sind Fischer von Jamaica auf dem Weg zur Arbeit bei den Low Banks, können jedenfalls Englisch und haben Funk" berichtet Wolfgang. Wir glauben jetzt zwar eher an Drogenhändler, die hier auf den Partner für den Deal warten, sind aber heilfroh, als uns die beiden Boote achtern passieren und sich unser Abstand wieder vergrößert.

Während ich mich riesig darauf freue, kämpft Wolfgang unten um die Zubereitung eines kräftigen Frühstücks. Ein heißer süßer Kakao ist wie neues Leben. Wetterprognose fällt heute aus - zu schlechter Empfang. Gegen 13:00 stehen wir südlich von Bajo Nuevo. Wir setzen neuen Kurs 270° (= West) in der Vorstellung, bei Nachlassen des Windes und Ost- oder zumindest Nordostdrehung (nach Durchgang der Front) die westlichste Durchfahrt zwischen Gorda-Bank und Thunder Knoll zu nehmen. Den sturmstarken Norder (zu diesem Begriff später) tauschen wir jetzt ein gegen ein Wechselbad aus kurzen Totalflauten (bei dem weiterbestehenden Seegang eine Höllenqual) und Böen mit Starkwindstärke und kurzen kräftigen Regenschauern. Bedeutet dies das Ende oder Rückseite der Frontlinie? Wir tasten uns dicht an der Südkante der Shoal entlang, um möglichst wenig Höhe zu verlieren. Leider dreht der Wind sogar über Nord hinaus nach NNW und der Wetterbericht um 23:00 UTC (= 8:30 Ortszeit) macht unsere Strategie hinfällig: Die Front überdeckt jetzt die gesamte Westkaribik, reicht von Florida bis 10°N herunter (d.h. bis Panama). Vorhersage: Wind aus NNO mit 30 - 35 Knoten. Die nötigen 310° für die Passage werden wir bei NNO und dieser See nicht anliegen können. Allmählich gehen uns die Ideen aus. Der einzige 'Schutzhafen' in unmittelbarer Nähe sind die Riffe der kolumbianischen Insel Providencia, 200 Seemeilen in der falschen Richtung. Bei Rückkehr normaler Passatverhältnisse würden wir die ganze Strecke hart gegenan segeln müssen. Wir entschließen uns, nach dem 'Zick' nach West für einen weiteren 'Zack' nach Ost mit möglichst wenig Verlust nach Süd.

Ein Wort zu diesem, uns überraschenden Wettergeschehen, dem Norder. Das sind in den Wintermonaten auftretende, mächtige Kaltlufteinbrüche, die vom nordamerikanischen Festland bis in die karibische See gelangen. Die Linie Puerto Rico, Jamaica, Honduras begrenzt etwa ihre südliche Ausdehnung. Hier haben sie aber selten Sturm- oder Orkancharakter mit kalten tagelangen Schauern wie in der NW-Karibik oder Kuba. Daß eine solche Kaltfront bis 10°N hinunterreicht, ist eine ausgesprochene Seltenheit. Einfach Pech!

Zurück ins inzwischen wieder nächtliche Geschehen: Nach unserer abermaligen Kehrtwendung versuchen wir, bei möglichst wenig Abdrift nach Süd auch wenig Fahrt nach Ost zu machen. Am liebsten würden wir auf der Stelle stehen bleiben zum Abwettern. In harter, ruppiger See, viel überkommendem Wasser, sowohl auf's Deck als auch ins Cockpit, mogeln wir uns mit ca. 3 kn Fahrt bei Kurs 120° durch die diesige, schauerreiche Nacht. Ein dicker Schwall Seewasser schlägt zum vorderen Doradelüfter herein (bei Vorwindkurs und Ablaufen hatten wir nicht daran gedacht, die Lüfter zuzuschrauben). Auch durch eine undichte Stelle im Ankerkasten und einen Dichtungsdefekt am Vorluk tröpfeln kleine Seewasserrinnsale ins Vorschiff. Mit Lappen und Schüsseln kann ich die Polster weitgehend schützen, aber die allgemein um sich greifende Nässe nervt mich ziemlich.

Am Morgen des 6.2. hat der Wind auf 28 kn abgenommen (Windstärke 6-7 nach der Beaufort-Skala), bläst aus N, Welle grob, neben der Frontbewölkung gibt es zumindest einzelne Passatwolken. Um 10:00 Ortszeit kündigt die Wetterprognose die Auflösung der Front für den 7.2. an bei 20-25 kn zu erwartendem Wind. Ein paar bescheidene Sonnenstrahlen heben die Stimmung sofort und im Vertrauen auf die Wettervorhersage vollführen wir eine 180°-Kehrtwendung nach 'Zick'. Erneuter Anlauf auf die westlichste schmale Passage Gorda Bank/Thunder Knoll zu. Mit Kurs 300° arbeiten wir uns langsam an die Seranilla-Bank heran.

Jetzt heißt es exakt navigieren. Wir wollen den östlichsten Finger von Gorda-Bank an seinem Südostzipfel treffen, um ganz knapp tangential an der Untiefe entlang auf den Kanal zu stoßen. Jeder Meter Nord, den wir südlich der Untiefen nicht verschenken, kommt uns in der Passage zugute. Wolfgang steckt die genaue Kurslinie ab und greift 6 Wegepunkte auf dieser Linie heraus, deren Koordinaten er in den GPS-Computer eingibt. Dieser errechnet nun fortwährend die Peilung von unserer Position zum nächsten Wegepunkt. Auf dem Display erscheinen Sollkurs, Istkurs, Geschwindigkeit über Grund, noch zu segelnde Meilen und Zeit bis zum Wegepunkt. Ohne dieses kleine Wundergerät könnten wir diesen Versuch nicht wagen! Astronavigation ist zu grob und außerdem sehen wir selten Sonne oder Sterne. Die Shoals sind größtenteils überspült, also unsichtbar - nachts sowieso - und die Versetzung durch wechselnde Strömungen zwischen den Untiefen nicht kalkulierbar.

Abends legt der Wind wieder zu, 30-35 kn aus NNO, die See motzt auf, überspült ständig das Deck, auch das Cockpit kriegt seinen Teil ab. Zwei besonders häßliche Brecher stürzen sich sogar über's Sprayhood. Daß man in solchen Verhältnissen Schlaf findet, scheint schwer vorstellbar. Aber der Organismus hat großartige Anpassungsfähigkeiten. Wir beide fallen mit Freiwachenbeginn augenblicklich in Tiefschlaf. Dieser Schlaf hat völlig andere Qualität als gewohnt, bewußtlos-ähnlich, sehr traum- und bilderreich. Nur, wenn sich das Gesamtsystem ändert, z.B. neues Bewegungsmuster, anderer Geräusch- oder besser Lärmpegel durch z.B. von weiter vorn einfallendem Windwinkel oder Kursänderung, bin ich sofort hellwach.

Heute bin ich zu meinem Wachbeginn um 23:15 ein ziemlich zauderndes Häufchen. Nur schwarze Nacht, noch schwärzere Wellenberge, die Geräusche - eine Mischung aus anrauschenden Wellen, Schlägen, Windzerren, arbeitendem Material und rasendem Roland -, die unmittelbare Nähe der Untiefen, die Abhängigkeit von der Elektronik (GPS) .... Wolfgang stellt wieder in einem akrobatischen Seilakt den Roland kalt und steht mir zum Eingewöhnen noch 30 Minuten bei, bis er sich endlich in seine Koje verkrümelt. Irgendwie gewöhnt man sich vor Ort schnell an die etwas unwirtlichen Verhältnisse (in der Koje erlebe ich sie meist heftiger als draußen), Funtom läuft auf dem Strich von Wegepunkt zu Wegepunkt, und ich mache mir bewußt, daß wir südlich der Shoals im absolut sicheren Bereich sind. So sind Angst und Zweifel bis zum Wachwechsel wieder verflogen.

Um 05:30 Ortszeit erreichen wir die 37-Meter-Stelle am Südende des langgestreckten östlichsten Gorda-Fingers. Wind 35 kn, NNO, grobe See, 5/8-Passat-Bewölkung, labile Cumuli. Mit dem ersten Tageslicht schleichen wir knapp außerhalb der 7-m-Linie tangential entlang und erreichen gegen 800 den 'Kanal'. Diese Passage wird von der Großschiffahrt benutzt, um zwischen dem Panamakanal und dem Golf von Mexico zu verkehren. Jetzt haben wir die entscheidenden 20 sm vor uns. Mit NW-Kurs müssen wir eine Untiefe am Westrand des Kanals nördlich passieren, bevor wir auf die 'große Freiheit' abfallen dürfen. Tatsächlich können wir fast bequem auf die erforderlichen 310° anluven.

Aus drei kleinen 'Kanalspitzen' könnte ich eine herrlich spannende Geschichte spinnen (so entstehen die ganzen Abenteuerromane!): Mitten im Kanal, gerade als wir relativ dichten Kontakt zu einem Fischtrawler und einem Riesentanker haben, nimmt uns eine Schauerböe 1. komplett die Sicht, verursacht dieselbe 2. eine Winddrehung auf Nord, so daß wir unseren Kurs nicht mehr anliegen können und 3. fällt auch noch das GPS mehrere Male für kurze Zeit aus (bei Wechsel der Satelliten eine normale Erscheinung). Wenn ich in diesem Augenblick auch noch ein Stag brechen ließe, wäre der Thriller perfekt. - Nein, bei uns läuft's besser als befürchtet. Bei einem Mitstrom von 1-1,5 kn jagen wir mit 7,5 kn Geschwindigkeit unserem Wegepunkt 13 entgegen und haben diesen bereits um 11:00 querab. Wir freuen uns auf's Abfallen und auf ein streßfreies Queren der in unserer Westpeilung hindernisfreien, 30 m flachen, 200 sm (Ost-West-Ausdehnung) breiten Gorda-Bank.

Doch da scheint die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Dieser frischt gegen Mittag wieder auf 40 kn auf, die See wird, vermutlich wegen der Kontinentalschwelle zwischen 1300 und 30 Meter Tiefe, ekelhaft, gemein und unberechenbar, daß wir unseren West-Wunschkurs nicht laufen können, sondern auf 286° anluven müssen mit allen nassen, unbequemen, harten Konsequenzen. Noch mehr Gischt, noch mehr überkommendes Wasser, noch mehr Schläge und Brecher, alles in inn-farben-grün durch aufgepeitschten flachen Sandgrund. Um 18:00 zeigt der Windmesser wieder kurze Böen von 50 kn. Wir wollen zur Nacht die Segelfläche verkleinern, aber kaum ist das dreifach gereffte Groß geborgen, merken wir, daß wir aus Stabilitätsgründen nicht darauf verzichten können. Kurz darauf kommt uns in inzwischen völliger Nacht eine Fischereiflotte in die Quere. Da keiner auf den Funkanruf antwortet, umfahren wir sie in weitem Bogen, um uns nicht in ihren vermutlich ausgebrachten Schleppnetzen zu verheddern.

Allmählich habe ich die Nase voll von dieser unerbittlichen Lebensfeindlichkeit. Schließlich bin ich mit meinem gemütlichen Haus und Heim unterwegs und nicht mit irgendeinem Sportgerät. Wer hat es schon gern, wenn das Salzwasser in die Wohnzimmergarnitur läuft oder untern Perserteppich schwappt, das Kristall in der Vitrine zittert? Leider finde ich kein Opfer für meine Beschuldigungen und Vorwürfe. Wie zum Possen bläkt die amerikanische Computerstimme um 19:30 ihre Wetterweisheit: Front aufgelöst, Windprognose NO 15-20 kn, Dünung 8-10 Füße (1 foot ~ 0,3 m), Tendenz abnehmend. Dafür haben wir ab 23:00 einen Gegenstrom von bis zu 1,5 kn, der zum Glätten der Wellen auch nicht gerade beiträgt. Gegen 24:00 wird es ruhiger, um 05:00 säuselt es nur noch mit 22 kn (Windstärke beginnend 6), so daß wir endlich abfallen und komfortabler schlafen können. Am Mittag des Folgetages haben wir zum ersten Mal seit - ich weiß nicht wie lang - ein trockenes Deck und Cockpit mit dicken Salzkristallen. Um 14:00 umkreist uns der erste Fregattvogel als Landbote. Bis zum Abend - die große Gorda-Bank liegt längst hinter uns - schütteln wir nach und nach alle drei Reffs aus, tauschen die F II gegen die F I, ausgebaumt in Schmetterlingsstellung, d.h. also wieder Passat aus Ost.

Am 9.2. müssen wir wegen Fast-Flaute die Maschine starten. Mittags erkennen wir zum ersten Mal die Umrisse unserer Zielinsel Guanaja in 30 sm Entfernung. Um 14:00 erstirbt jeder Windhauch. Bei spiegelglatter See und immer noch 1 bis 1,5 kn Gegenstrom beginnt der Wettlauf mit dem Licht, denn vor Einbruch der Dunkelheit wollen wir die Einsteuerung zwischen den Riffen passiert haben. - Kurz nach Sonnenuntergang runden wir die nördliche Riffkante, die irgendein freundlicher Mensch mit einer Pricke markiert hat, auch noch in der Dämmerung deutlich erkennbar. Mit einer Mischung aus GPS(-Zielwegepunkt), Radar, Echolot und zwei adaptierten Augenpaaren navigieren wir sauber zum provisorischen Ankerplatz und lassen das Eisen um 18:30 nach 1234 überwiegend ruppigen Seemeilen müde auf den Grund fallen. Noch bevor wir selbst dasselbe in die Koje tun, kommt ein netter kanadischer Yachty mit seinem Dingi längsseits. Er begrüßt uns herzlich auf Guanaja und bietet an, uns in den inneren, geschützteren Ankerplatz zu lotsen. Weil das Ding aber nun mal unten ist, wollen wir diese Nacht mit hier vorlieb nehmen und am nächsten Morgen frisch im neuen Tageslicht nach innen verlegen. ...

 

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